Projekt Genesis - Teil 2

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Teil 2 - Das Tagebuch

Die Nacht war kalt und still, als John das alte Tagebuch seines Vaters aufschlug. Der Stoffeinband war verblasst, die Ecken zerfetzt, und die Seiten trugen die Spuren von Zeit und Gebrauch. Doch zwischen den schwachen Linien und den hastig niedergeschriebenen Wörtern glaubte John, die Stimme seines Vaters zu hören. Jede Seite schien eine neue Facette des Mannes preiszugeben, den er kaum gekannt hatte. Sein Vater hatte immer viel geschwiegen, ein Schatten von einem Mann, der nur dann lebendig wirkte, wenn er von der Welt sprach, wie sie einst gewesen war.

Ein Eintrag fesselte Johns Aufmerksamkeit:

"Ich habe sie heute getroffen. Die Verborgenen. Sie glauben, dass sie einen Weg finden können, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Doch es ist riskant. Die Regierung hat Augen überall. Wenn sie herausfinden, was wir planen, wird alles verloren sein. Ich muss vorsichtig sein – um John willen."

John starrte auf die Worte. Die Verborgenen? Wer waren sie? Sein Vater hatte nie von ihnen gesprochen. Eine vage Erinnerung keimte in John auf, wie sein Vater spät in der Nacht heimlich das Haus verlassen hatte. Als Kind hatte John das kaum hinterfragt. Doch jetzt ergab es Sinn.

Er blätterte weiter und fand eine grobe Skizze – eine Karte. Mit zittrigen Linien war ein Gebiet markiert, das tief in der verbotenen Zone lag. Eine Notiz daneben las sich wie eine Warnung: "Hier liegt die Wahrheit. Doch nur wer bereit ist, alles zu riskieren, wird sie finden."

Ein plötzliches Klopfen an der Tür riss John aus seinen Gedanken. Er schloss das Tagebuch hastig und versteckte es unter seinem Bett. Beatrice trat ein, ihre Augen schmal vor Sorge.

"John, was machst du? Es ist mitten in der Nacht."

Er zögerte. Sollte er ihr davon erzählen? Beatrice war seine engste Vertraute, doch ihre Vorsicht konnte manchmal lähmend sein. "Nichts, nur ein bisschen nachdenken," sagte er ausweichend.

Sie musterte ihn misstrauisch, trat näher und setzte sich zu ihm. "Es ist das Tagebuch deines Vaters, nicht wahr? Ich habe es gesehen, als du es gefunden hast. Was steht drin?"

John seufzte. Er wusste, dass er ihr nichts verheimlichen konnte. "Hinweise. Vielleicht sogar Antworten. Ich glaube, mein Vater wusste mehr über die Katastrophe, als er jemals zugegeben hat."

Beatrice’ Augen weiteten sich. "John, das ist gefährlich. Wenn die Regierung herausfindet, dass du—"

"Ich weiß," unterbrach er sie. "Aber wir können nicht einfach so weitermachen. Schau dich um, Beatrice. Die Menschen hier sterben langsam. Mit ihnen stirbt auch die Hoffnung und die Angst wird größer. Wenn es eine Chance gibt, etwas zu ändern, dann muss ich sie ergreifen."

Beatrice schwieg, ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus, wo der Mond sein blasses Licht über das karge Land warf. "Du wirst nicht allein gehen," sagte sie schließlich. "Ich werde dir helfen. Aber wir brauchen mehr als nur uns beide."

Am nächsten Morgen begannen sie mit den Vorbereitungen. Beatrice suchte nach Nahrung und warmer Kleidung, während John das Tagebuch studierte. Die Karte war ein Rätsel, aber es war klar, dass sie alleine nicht weiterkommen würden. Sie mussten jemanden finden, der die Gegend besser kannte – vielleicht einen ehemaligen Reisenden oder jemanden, der sich mit den verbotenen Zonen auskannte.

"Ich kenne jemanden," sagte Beatrice, als sie am Abend zurückkam. "Ein Mann namens Elias. Er war früher bei der Regierung, hat sich aber abgewandt. Er lebt am Rand der Stadt und soll Zugang zu alten Informationen haben."

John nickte. "Dann gehen wir morgen zu ihm. Wenn er uns helfen kann, haben wir eine Chance."

Doch tief in ihm nagte die Unsicherheit. Das Tagebuch seines Vaters war nicht nur ein Schlüssel zur Wahrheit, sondern auch ein Ziel. Sollte jemand erfahren, was sie hatten, könnten sie in größter Gefahr sein.


Elias war ein alter Mann mit scharfen Augen und einem wachsamen Blick. Sein kleines Haus war mit Karten und Büchern gefüllt, ein chaotisches Archiv der Vergangenheit. Als sie ihm von ihrem Vorhaben erzählten, runzelte er die Stirn.

"Ihr seid verrückt," sagte er. "Die verbotene Zone ist nicht nur gefährlich, sie wird überwacht. Die Regierung lässt niemanden lebend zurück, der dort gefunden wird."

"Wir haben keine Wahl," entgegnete John. "Mein Vater hat diese Karte hinterlassen. Er hat von etwas gesprochen, das die Wahrheit ans Licht bringen könnte. Wir können nicht einfach aufgeben."

Elias betrachtete ihn eine Weile schweigend, dann seufzte er. "Ihr seid entweder sehr mutig oder sehr dumm. Vielleicht beides. Aber ich werde euch helfen – unter einer Bedingung. Ihr müsst versprechen, vorsichtig zu sein und nichts zu überstürzen."

Beatrice nickte. "Das versprechen wir."

Die Nacht war bereits angebrochen, als Elias ihnen eine detaillierte Karte überreichte. "Das hier ist genauer als die Skizze deines Vaters. Ich habe einige der Orte markiert, die ihr meiden solltet. Wenn ihr wirklich in die verbotene Zone gehen wollt, dann müsst ihr vorbereitet sein."

John betrachtete die Karte und spürte eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit. Der Weg würde gefährlich sein, doch er wusste, dass sie nicht zurückblicken konnten. Mit Elias’ Hilfe hatten sie einen ersten Schritt gemacht. Nun galt es, aufzubrechen zu einem Ort, den lange kein einfacher Bürger mehr betreten hatte.

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