Projekt Genesis - Teil 3

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Teil 3

"Bist du sicher, dass du mitkommen willst?" fragte John seine schwangere Frau. Er machte sich Sorgen – zu anstrengend würde der Weg für sie sein.

"Ja, vollkommen", antwortete Beatrice entschlossen. "Ich kann doch nicht alleine hierbleiben mit der Ungewissheit, ob du noch lebst oder schon längst tot bist. Ich möchte bei dir bleiben, egal was passiert."

Seufzend stimmte er ihr zu, denn er wusste, dass er sie nicht davon abhalten konnte. Beatrice hatte eine Willensstärke, die ihn einerseits bewunderte, andererseits ängstigte. Er würde alles tun müssen, um sie zu schützen.

Elias hatte ihnen Proviant gegeben und einige nützliche Hinweise für die Reise. Er hatte betont, dass sie sich fernhalten sollten von den Patrouillen der Regierung, die an der Grenze zur verbotenen Zone patrouillierten.

"Die verbotene Zone ist wie ein Labyrinth", hatte Elias gesagt. "Die Gefahren sind nicht nur die Soldaten – es gibt auch andere Dinge. Geschichten von Menschen, die spurlos verschwinden, von vergessenen Fallen, die längst vergessen schienen. Ihr müsst auf alles gefasst sein."

John warf einen letzten Blick auf die kleine Hütte, die sie jahrelang ihr Zuhause genannt hatten. Es war ein Abschied voller Unsicherheit, aber auch Hoffnung. Die Wahrheit wartete dort draußen, und sie würden sie finden.

Die ersten Tage ihrer Reise verliefen überraschend ruhig. Sie folgten den Anweisungen von Elias und mieden belebte Straßen. Stattdessen schlugen sie sich durch verlassene Wälder und brachliegende Felder. Die Nächte waren kalt, und Beatrice, trotz ihrer Entschlossenheit, kämpfte mit der Anstrengung.

"Brauchst du eine Pause?" fragte John, als sie eine Anhöhe erklommen hatten. Beatrice atmete schwer, aber sie schüttelte den Kopf.

"Ich schaffe das. Wir dürfen keine Zeit verlieren."

John konnte ihren Eifer verstehen, doch es machte ihn nervös. Er wollte sie schonen, aber sie ließ es nicht zu. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, die Karte zu entziffern, die Elias ihnen gegeben hatte. Jeder Schritt brachte sie näher an die verbotene Zone – und an die Antworten, die sie suchten.

Am vierten Tag stießen sie auf ein verlassenes Dorf. Die Gebäude waren zerfallen, die Straßen überwuchert. Es war, als hätte die Zeit hier stillgestanden. John entschied, dass sie hier rasten sollten.

"Wir bleiben hier für die Nacht", sagte er und half Beatrice, sich in einem halbwegs intakten Haus einzurichten. Die Wände boten Schutz vor dem Wind, und sie entzündeten ein kleines Feuer, um sich zu wärmen.

"Denkst du, wir sind auf dem richtigen Weg?" fragte Beatrice, als sie sich eng an ihn schmiegte. Ihre Stimme war leise, fast ängstlich.

"Ja", antwortete John. "Die Karte ist eindeutig. Wir sind nicht weit von der Grenze entfernt. Aber... ich weiß nicht, was uns dort erwartet."

Beatrice nickte, schwieg jedoch. Die Stille war schwer, doch sie hatten keine Antworten. Alles, was sie hatten, war Hoffnung.

Am nächsten Morgen fanden sie Spuren im Dorf – frische Fußabdrücke im Staub. Jemand war hier gewesen, vielleicht war er es noch. John spannte sich an und griff instinktiv nach der improvisierten Waffe, die er am Vorabend aus einem abgebrochenen Besenstiel und einer scharfen Metallkante gefertigt hatte.

"Bleib hier", flüsterte er Beatrice zu und schlich nach draußen. Die Luft war kühl und klar, doch die Anspannung lag wie ein Gewicht auf seinen Schultern. Er folgte den Spuren, die zu einem der größeren Gebäude führten.

Drinnen fand er eine junge Frau, kaum älter als er selbst. Sie trug zerschlissene Kleidung und hielt ein Messer in der Hand. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn sah.

"Wer bist du?" fragte sie scharf. Ihre Stimme zitterte, doch sie hielt die Waffe fest.

"Ich bin John", sagte er und hob beschwichtigend die Hände. "Wir sind auf der Durchreise. Wir wollen keinen Ärger."

Die Frau musterte ihn skeptisch, ließ das Messer aber sinken. "Durchreise? Niemand kommt hier einfach so vorbei. Was sucht ihr?"

John zögerte. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Beatrice wartete auf ihn, und jede Verzögerung brachte sie in Gefahr. Doch in ihren Augen glomm ein Ausdruck, der Hoffnung und Angst zugleich verriet, ein Hauch von Verzweiflung, aber auch Entschlossenheit. Es war dieser flüchtige Moment, der John glauben ließ, dass sie vielleicht Verbündete sein könnte.

"Die Wahrheit", sagte er schließlich. "Wir suchen die Wahrheit. Über die Katastrophe, über alles, was passiert ist."

Die Frau lachte bitter. "Die Wahrheit? Das suchen wir doch alle. Aber sie ist gefährlich. Wenn ihr wirklich wissen wollt, was passiert ist, werdet ihr mehr verlieren, als ihr gewinnen könnt."

John spürte, wie sein Herz schneller schlug. "Kennst du einen Weg?"

Die Frau schwieg einen Moment, dann nickte sie. "Vielleicht. Aber es wird euch nicht gefallen."

Als John zurückkam, wartete Beatrice ungeduldig. "Wer war das?" fragte sie sofort.

"Jemand, der vielleicht helfen kann", sagte er. "Aber es wird nicht einfach."

Die Frau, deren Name Lyra war, begleitete sie schließlich. Sie kannte die verbotene Zone besser als jeder andere und hatte Wege gefunden, die Überwachung zu umgehen. Doch sie machte klar, dass ihre Hilfe einen Preis hatte.

"Ich helfe euch", sagte Lyra. "Aber nur, wenn wir zusammenarbeiten. Ihr müsst mir vertrauen – und ich euch."

John war sich nicht sicher, ob er ihr vertrauen konnte. Doch sie hatten keine Wahl. Mit Lyra an ihrer Seite setzten sie ihre Reise fort, die Grenze zur verbotenen Zone immer näher rückend.

Die Welt, die vor ihnen lag, würde alles verändern. Doch waren sie bereit für die Wahrheit, die sie dort finden würden? Das Tagebuch seines Vaters hatte sie auf diesen Weg geführt, doch der Preis dafür könnte höher sein, als sie jemals gedacht hatten.

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