Wieso werden Menschen kriminell?

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Ladendiebstahl, Hauseinbruch, Korruption, Cyberkriminalität, Steuerbetrug, Spionage, Erpressung, Mord – es gibt eine Vielzahl krimineller Handlungen. Und genauso vielfältig sind die Gründe, aus denen diese Vergehen entstehen.

Liegt kriminelles Verhalten in den Genen? Sind es Armutsverhältnisse, soziale Ungleichheit oder persönliche Entscheidungen? Oder ist es eine Mischung aus all dem? Kriminologie ist ein sehr komplexes Thema - in diesem Blog versuchen wir, den Fragen auf den Grund zu gehen.

Biologische Gründe

Bei den biologischen Faktoren spielt insbesondere die Genetik eine Rolle. Einige Gene sollen entscheidender für das Ausbrechen von kriminellen Verhalten sein als andere - so sagt es eine Studie der Fachzeitschrift American Sociological Review. Dies garantiere allerdings keinesfalls ein kriminelles Leben. Schon durch eine starke familiäre Bindung als Kind könne es beispielsweise schon abgeschwächt werden. Dabei sind gemeinsame Momente wichtig, wie z.B. eine tägliche Mahlzeit mit der Familie.

Zu den genetischen Veranlagungen zählt z.B. die Impulsivität und die Kontrolle darüber sowie die Entscheidungsfähigkeit. Auch Unterschiede in der Struktur des Gehirns oder Unterschiede im Dopamin- bzw. Seratoninlevel könnten ein Grund sein. In Kombination mit anderen Einflüssen könnten diese biologischen Faktoren die Neigung zu Kriminalität erhöhen.

Psychologische Gründe

Zu den psychologischen Faktoren zählen unter anderem eine geringe Selbstkontrolle sowie Schwierigkeiten bei der Impulssteuerung. Darüber hinaus können traumatische Erfahrungen, Vernachlässigung oder Gewalterlebnisse – etwa im familiären Umfeld – das Risiko erhöhen, später straffällig zu werden.

Studien zeigen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, häufiger zu aggressivem oder normverletzendem Verhalten neigen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Betroffene zwangsläufig selbst gewalttätig werden. Jedoch beeinflussen solche Erfahrungen die emotionale Entwicklung, den Umgang mit Konflikten und die Wahrnehmung von Grenzen.

Soziale Gründe

In der Kriminologie werden soziale Faktoren am häufigsten untersucht.

Menschen brauchen Perspektiven. Haben sie die nicht, kommt es zur Verzweiflung, dann zur Hoffnungslosigkeit - und schließlich zur Kriminalität. Dies ist der Fall, wenn beispielsweise die Bildung fehlt oder Menschen keine Jobmöglichkeiten bekommen. Menschen mit niedriger Bildung oder frühem Schulabbruch haben häufiger geringere berufliche Perspektiven. Die Perspektivlosigkeit erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen Straftaten begehen, um ihr Überleben zu sichern, aber auch, weil sie frustriert über Ungleichheiten sind. So zeigt ein Datensatz über 16 Länder, dass Ungleichheit ein signifikanter Prädiktor für höhere Kriminalitätsraten ist und stärker wirkt als etwa Armut allein.

Auch die Familie ist bei der Prävention von Kriminalität wichtig. Lernen Kinder die Gesellschaftsnormen nicht, sondern erfahren Gewalt oder Kindesmisshandlung, übernehmen sie diese neuen "Normen" wahrscheinlicher. Ebenso wichtig sind andere soziale Kontakte wie Freunde. Wenn diese wegfallen, lernt man bspw. nicht so leicht, auch auf andere zu achten.

Es ist nahezu unmöglich, einen einzigen Faktor für ein Verbrechen auszumachen. Eher ist das Zusammenspielen dieser drei Faktoren, die viele Unterfaktoren enthalten, entscheidend dafür, ob jemand kriminell wird oder nicht.

Wird Kriminalität angeboren?

Wird über Kriminalität gesprochen, fällt früher oder später auch die Frage, ob Menschen mit Migrationshintergrund häufiger straffällig werden. Um diese Frage zu beantworten, reicht ein Blick auf die Herkunft jedoch nicht aus. Viel entscheidender sind die Lebensumstände, unter denen Menschen leben.

Viele Geflüchtete bringen belastende Erfahrungen mit. Krieg, Verfolgung, Gewalt oder extreme Armut prägen ihre Vergangenheit. Solche Erlebnisse hinterlassen Spuren - psychisch wie emotional. Sie können das Vertrauen in andere Menschen erschüttern und den Umgang mit Stress oder Konflikten erschweren. In einigen Fällen kann das dazu führen, dass Hemmschwellen sinken oder Regeln weniger Bedeutung bekommen.

Hinzu kommt, dass das Ankommen in einem neuen Land oft alles andere als einfach ist. Wer nicht weiß, ob er bleiben darf, wer keine Arbeitserlaubnis hat oder jahrelang auf Entscheidungen warten muss, lebt in ständiger Unsicherheit. Eine Zukunft aufzubauen erscheint dann sinnlos. Ohne Perspektive wächst die Verzweiflung - und manche suchen nach Wegen, um überhaupt über die Runden zu kommen.

All das bedeutet jedoch nicht, dass Migration oder Herkunft Kriminalität „verursachen“. Entscheidend ist, wie Menschen aufgenommen werden. Wer Zugang zu Bildung, Arbeit und sozialen Kontakten hat, findet Halt, Orientierung und Möglichkeiten. Gute Integration senkt das Risiko von Kriminalität deutlich.

Kriminalität ist also keine Frage der Nationalität. Sie entsteht aus Erfahrungen, Belastungen und fehlenden Chancen und sie lässt sich verhindern, wenn Gesellschaft Perspektiven bietet.

📊 Fakten: Bildung und Perspektive

  • 2021 verließen in Deutschland 47.500 Jugendliche die Schule ohne Abschluss – ihre Chancen auf Ausbildung und Job sind stark eingeschränkt. (Bertelsmann-Stiftung)
  • Jugendliche ohne Schulabschluss begehen laut Studien deutlich häufiger Eigentumsdelikte als Gleichaltrige mit Abschluss. (Bertelsmann-Stiftung)
  • Wer dauerhaft von der Schule ausgeschlossen wird, begeht mehr als doppelt so häufig schwere Gewalt wie Gleichaltrige, die in der Schule bleiben. (The Guardian)
  • Länder mit größerer sozialer Ungleichheit haben höhere Kriminalitätsraten, selbst bei ähnlichem Durchschnittseinkommen. (SpringerLink)
  • Frühzeitige Bildung, soziale Bindungen und Jugendprojekte können laut Studien Tausende Straftaten verhindern. (Bertelsmann-Stiftung)
  • Eine schwedische Langzeitstudie zeigt: Jedes zusätzliche Schuljahr senkt die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung bei Männern um etwa 6,7 % – das Risiko einer Inhaftierung sogar um 15,5%. (The Economic Journal Oxford)
Quellen: Bertelsmann-Stiftung, The Guardian, SpringerLink

Prävention von Kriminalität

Kriminalität lässt sich nicht einfach wegsperren oder abschieben. Wer nur die Symptome bekämpft, verändert nichts an dem, was Menschen überhaupt erst in die Ecke treibt, in der sie straffällig werden.

Viel wichtiger ist, die Bedingungen zu verändern, unter denen Menschen leben. Bildung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Wer die Möglichkeit hat, zur Schule zu gehen, etwas zu lernen und später einen Job zu bekommen, hat Perspektiven und weniger Gründe, Regeln zu brechen. Ebenso wichtig sind Freundschaften, unterstützende Lehrerinnen und Lehrer oder Erwachsene, die zuhören, helfen und ein Vorbild sind. Sie zeigen, dass es Wege gibt, Probleme anders zu lösen.

Besonders Jugendliche brauchen stabile Bindungen. Familie, Freundeskreis, Schule wenn an einer Stelle etwas wackelt, kann das schnell zu Problemen führen. Wer früh Unterstützung bekommt, erfährt Halt, Orientierung und Vertrauen – und hat die Chance, sich selbst sicher in der Gesellschaft zu bewegen.

Auch Freizeitangebote, Sportvereine oder Jugendprojekte können helfen. Sie bieten einen Raum, Anerkennung zu bekommen, Fähigkeiten zu entwickeln und Erfolge zu erleben – ganz ohne Straftaten. Kriminalität entsteht selten einfach so. Sie wächst dort, wo Menschen keine Chancen, keine Perspektive und niemanden haben, der ihnen zeigt, dass es anders geht. Genau hier kann Prävention ansetzen: indem sie Wege öffnet, statt sie zu versperren.

Schlusswort

Kriminalität sollte nicht als moralisches Urteil über Menschen verstanden werden. In den meisten Fällen ist sie das Ergebnis von Umständen, Erfahrungen und fehlenden Chancen. Oft wird schnell über Abschiebungen oder Strafen gesprochen, ohne sich mit den eigentlichen Ursachen auseinanderzusetzen.

Dabei zeigt sich immer wieder: Kriminalität ist keine Frage der Nationalität oder Herkunft. Sie entsteht dort, wo Bildung fehlt, soziale Probleme ungelöst bleiben und Menschen keine Perspektive sehen. Wer Kriminalität langfristig reduzieren will, muss deshalb nicht Menschen ausgrenzen, sondern Bedingungen schaffen, die Teilhabe, Orientierung und Chancen ermöglichen.

Quellen

Hier sind die wichtigsten Quellen:

Siehe auch

5 Kommentare
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Level 44
15. Jan 2026
Update Log:

15.01.2026: Rechtschreibfehler behoben

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Level 46
11. Jan 2026
Guter Blog, vor Allem gefällt mir, dass du am Ende einen Ausblick bringst. ☺
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Level 44
11. Jan 2026
Danke für dein nettes Feedback!
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Level 25
12. Jan 2026
Was ist mit der genetischen Veranlagung zu Straftaten in Bezug zur Rasse?
+1
Level 44
12. Jan 2026
Siehe Abschnitt "Wird Kriminalität angeboren"